2500 km Jakobsweg: Erfahrungsbericht Teil 2

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Die Strecke Le Puy nach Saint Jean Pied-de-Port

Jakobsweg Aussicht in den PyrenäenHier geht es nun weiter mit dem 2. Teil: Mein Jakobsweg Erfahrungsbericht von Ley Puy bis zur Kathedrale in Santiago: Berge, Wälder, Traumstrände und natürlich DIE Kathedrale.

Ab dem Start in Le Puy war es ein völlig anderer Weg. Morgens fand ich mich plötzlich in einer ganzen Masse an Mitpilgern wieder, die hier ihren Weg starteten. Mit rund zwei Monaten Erfahrung im Rücken war es witzig zu beobachten, wie überdreht und aufgekratzt die Neustarter unterwegs waren – als würde man mitten in einem aufgescheuchten Vogelschwarm laufen, nur dass diese Vögel in Goretex statt im Federkleid umherflatterten.

Was sich vorher als Ausläufer des Zentralmassivs ankündigte, zeigte mir jetzt eindrucksvoll, dass ich meine Vorstellung von „bergauf“ und „bergab“ vielleicht neu überdenken sollte. Aber das bisherige Training machte sich schließlich bemerkbar und ich konnte die Heerscharen an Pilgern schnell hinter mir lassen. Abgesehen von einer ganz besonderen Spezies, die wiederum mich weit hinter sich ließ: die Rentner-Pilger.

Mehr als einmal starrte ich ungläubig den grau-melierten und weißen Kurzhaarfrisuren hinterher, nachdem ich mit einer schier unmenschlichen Geschwindigkeit (bergauf!) von entspannt lächelnden Mitt-Siebzigern und Achtzigern in beigen Westen (die ausschließlich aus Taschen bestehen) überholt werde. Ich fragte mich, ob die weißen Haare vielleicht daher kommen, dass diese Trekkingstock-schwingenden Wandergötter so unfassbar schnell gehen, dass der so entstehende Wind einfach alle Farbpigmente aus den Haaren radiert…Aubrac Hochland

Nachdem sich so die Menge der Pilger entzerrt hatte, konnte ich wieder die Landschaft genießen. Und mit jeder weiteren Etappe stellte ich fest, dass der Weg von Le Puy bis an die Pyrenäen der mit Abstand beeindruckendste, schönste und abwechslungsreichste Weg von allen war und bis heute geblieben ist.

Selbst innerhalb einer Etappe wandelte sich das Bild von dunklen Schotterstrecken durch Nadelwälder zu Feldwegen mit unendlichen Aussichten auf die grüne Berglandschaft hin zu steinigen Geröll-Hügeln mit knorrigen Hexenwäldern. Einmalig war auch das Aubrac-Hochland, das mit seinen gigantischen Felsen, die verstreut auf den Kuhweiden liegen an die schottischen Highlands erinnerte – nur eben flach und mit hellbraunen Kühen statt Schafen.

Von Kathedralen und Katern

Die Schönheit der Via Podiensis lag aber nicht nur in der Landschaft, sondern auch in den vielen mittelalterlichen Dörfern und Städten, die einem gefühlt täglich eine imposante Kathedrale und geschichtsträchtige Innenstadt nach der anderen vor die Nase setzten. Glücklicherweise konnte ich unterwegs den gewaltigen Strom an neuen Eindrücken zusammen mit den vielen Mitpilgern verarbeiten.

Pilgerweg am MeerVerbunden durch die gemeinsamen Erfahrungen entstand schon nach kurzer Zeit eine Art Pilgerfamilie. Wir trafen uns immer wieder in den Herbergen, unterwegs oder in den Bars am Ende der Etappe. Man übersprang schon bei der ersten Begegnung den unnötigen Smalltalk, den man im Alltag Zuhause so oft führt und redete über Gott und die Welt, wie es sonst nur mit den engsten Freunden passiert. Was kaum verwunderlich ist, wo sonst trifft man schließlich Menschen aus allen Ecken der Welt, mit denen man sofort ein gemeinsames Gesprächsthema hat?

Täglich 25 bis 30 km bei jedem Wetter hinter sich zu bringen, staubig, schwitzend, manchmal humpelnd aber völlig zufrieden unter den irritierten Blicken der einheimischen (und deutlich saubereren) Stadtbewohner anzukommen – diese Erfahrung schweißt einen wohl zwangsläufig zusammen. Und auch wenn ich mich zwischendurch fühlte, als wäre ich mitten in einem kitschigen Image-Film, war es trotzdem großartig: bis tief in die Nacht hinter der Kulisse der beleuchteten historischen Gebäude draußen zu sein, zusammen mit den neu gewonnenen Freunden an den Bistrotischen der überfüllten Cafés bei Live-Musik zu sitzen und dabei ständig zwischen tiefschürfenden Gesprächen und ausgereiften Lachanfällen hin und her zu wechseln.

Weniger schön war es schließlich, am nächsten Tag müde und mit einem ausgewachsenen Kater die nächste Etappe zu bestreiten. Aber immerhin gab es so am nächsten Abend wieder ein gemeinsames Gesprächsthema. Allein die Vorstellung, sich als vermeintlich tief spiritueller Wanderer auf der Suche nach dem Sinn des Lebens mit grünem Gesicht, hämmernden Kopfschmerzen und einer kapitalen Fahne durch die Landschaft zu schleppen, reichte für die nächsten Lachanfälle.

Wenn die Strecke von Deutschland bis Frankreich dazu da war, mit den körperlichen Strapazen und den ausufernden Gedanken zurechtzukommen, war dieser Teil einfach nur da, um das Leben in vollen Zügen zu genießen. Viele der Freundschaften, die ich dort geschlossen hatte, bestehen auch heute (immerhin 6 Jahre später) noch und vielleicht ist mir dieses Teilstück auch deshalb als das mit Abstand Schönste in Erinnerung geblieben.

Fazit der Strecke Le Puy – Saint Jean:

  • Anspruchsvoll, untrainierte Wanderer sollten es langsam angehen
  • Landschaftlich unfassbar schön und ständig neue Kulissen, viele naturbelassene Wege und deutlich mehr Mitwanderer
  • Wegmarkierungen einwandfrei, der Reiseführer diente hier eher zur Auswahl der Herbergen
  • Viele Pilgerherbergen und Campingplätze entlang des Weges, spürbar günstiger als der französische Teil vorher

Die Strecke von Saint Jean nach Santiago de Compostela und Kap Finisterre

Vom Fuße der Pyrenäen aus startet eigentlich der bekannte Camino Frances, dessen erste Etappe ich unbedingt noch machen wollte, bevor ich (gleichermaßen aus Faulheit und Zeitmangel) mit der Bahn in den Norden nach Hendaye fuhr, von wo aus der spanische Küstenweg zu erreichen ist. Diese erste Etappe hat es mit einem satten Aufstieg von 1200 Höhenmeter und einem kurzen, steilen Abstieg von 600 Höhenmetern am Ende in sich, aber es lohnt sich.Morgendliche Aussicht aud dem Camino Primitivo

Anfänger sollten die Etappe definitiv in der Herberge auf halber Höhe in Orisson unterbrechen und den Rest am nächsten Tag fortsetzen. Selbst nach drei Monaten Training war die über 25 km lange Etappe noch eine Herausforderung. Dafür bekam ich eine unfassbar grandiose Aussicht, wanderte neben frei herumlaufenden Pferden und konnte beobachten, wie die Gänsegeier mit mehr als zwei Metern Flügelspannweite knapp über meinem Kopf durch die Luft schweben.

Mit dem Start des letzten Teilstücks (dem Camino del Norte) fiel mir wieder der große Unterschied zwischen den Neupilgern und denjenigen auf, die wie ich schon länger unterwegs waren. Vorher war mir nicht bewusst, wie tiefenentspannt ich im Vergleich zu den ersten Etappen geworden war. Erst die Neuankömmlinge, die uns aufgeregt mit Fragen löcherten, führten mir vor Augen, wie ich nach und nach das Bedürfnis abgelegt hatte, alles akribisch planen und kontrollieren zu müssen.

Man konnte fast schon ein wenig Mitleid bekommen, wenn wir morgens um 5 die ersten Pilger aus dem Schlafraum huschen sahen, die am Abend vorher prophezeit hatten, dass nur die schnellsten den Wettbewerb um die wenigen Betten in den Herbergen gewinnen könnten.

Am Ende der Etappen erreichten wir schließlich die gleichen Herbergen, bekamen ebenso ein Bett und konnten im Gegensatz zu den geräderten, übermüdeten Frühaufstehern mit ihren dunklen Augenringen auch noch entspannt die Städte und Strände der Umgebung besuchen. Nach ein paar Etappen verschwand aber auch dieses Phänomen, da im weiteren Verlauf der Strecke immer mehr Herbergen in kürzeren Abständen zur Verfügung standen und auch die letzten gestressten Neupilger einsahen, dass ein Wettrennen um die Betten weder nötig noch sinnvoll ist.

Zwischen Traumstränden und Touristen-Hochburgen

Strand am Camino del NorteLandschaftlich ist der Küstenweg bis Oviedo völlig anders als alle Strecken zuvor. Zwar gibt es keine gewaltigen Anstiege mehr, aber das ständige Auf und Ab mehrmals täglich war selbst für meine gewachsene Kondition nicht immer einfach. Gewöhnungsbedürftig war auch die Ankunft in Städten wie Guernica, San Sebastian oder Santander, die bis in die letzte Gasse hinein mit Touristen vollgestopft waren.

Ebenso voll wie die beliebten Großstädte waren leider auch häufig die Herbergen, aber auch hier entzerrte sich die Lage im weiteren Verlauf der Strecke. Und für die vielen Asphaltstrecken und die überfüllten Städte entlang des Weges gab es eine unbezahlbare Belohnung: Am Ende einer Etappe die Badesachen einzupacken und ins türkisblaue Meer zu springen!Camino Primitivo mit freilaufenden Pferden

In Oviedo (oder genauer gesagt ab Villaviciosa, wo der Küstenweg sich teilt) führte der Weg schließlich zum Camino Primitivo, auf dem deutlich weniger Mitpilger unterwegs waren. So kurz vor dem Ziel war es eine echte Erleichterung, wieder in der bergigen, ruhigen Natur statt in großen Städten unterwegs zu sein. Umso größer war danach allerdings wieder der Kulturschock, als der Weg für die letzten paar Etappen mit dem Camino Frances zusammenlief.

Die Ankunft in Santiago

Mein Timing war leider so, dass ich Ende August zur absoluten Hochsaison auf den letzten Kilometern in Richtung Santiago unterwegs war. Vor allem viele Einheimische laufen gerne die letzten vier bis fünf Etappen, um sich die Compostellana (eine Urkunde, die die Ankunft in Santiago bescheinigt und mindestens 100 km Weg zu Fuß oder 200 km per Rad erfordert) ausstellen zu lassen.Kathedrale in Santiago de Compostela

Selbst mit der Übung aus den Pilgerhochburgen zuvor fiel es mir etwas schwer, die Massen an Pilgern vor und hinter mir auszublenden. Aber bei der Ankunft in Santiago gab es schließlich nichts mehr, das mich hätte ablenken können.

Dieser Teil ist wohl am schwierigsten zu beschreiben. Wie es sich anfühlt, nach vier Monaten zu Fuß, nach der Durchquerung von halb Europa, nach unzähligen Höhen und Tiefen vor dieser Kathedrale zu stehen… Auf der einen Seite ist das historische Gebäude auf dem Praza do Obradoiro im Vergleich zum Weg, der mich dorthin führte, erstaunlich unbedeutend – sonst hätte schließlich ein Flug ausgereicht.

Auf der anderen Seite hat sie eine solch enorme symbolische Bedeutung für die Ankunft und stand wie ein gigantisches, steinernes „Du hast es verdammt nochmal geschafft!“ vor meiner Nase. Der Strudel aus Erschöpfung, Euphorie, purem Glück, Wehmut und reinstem Stolz, der mich dort mitgerissen hat, ist mit keinem Gefühl vergleichbar, das ich je zuvor erlebt hatte. Bei meinem Mitpilgern konnte ich beobachten, dass sie genau wie ich für ein paar Augenblicke völlig unfähig waren, irgendwas zu tun oder zu sagen. Wir grinsten einfach nur still, überwältigt und ein wenig ratlos vor uns hin, bis wir uns schließlich gefangen hatten und uns auch auf den Weg zur Ausgabestelle der Urkunden machten.

Die letzten Etappen bis Kap Finisterre

Wir alle waren schließlich am Tag darauf froh, einerseits dem Trubel in der überfüllten Stadt Santiago zu entkommen und andererseits den Jakobsweg noch nicht ganz beenden zu müssen, als wir die Strecke nach Finisterre in Angriff nahmen. Die vier Etappen waren in jedem Fall perfekt, um die gewaltige Menge an Eindrücken ein wenig verarbeiten zu können und sich gedanklich schon einmal auf die Heimkehr vorzubereiten.

Auch für meinen Kopf war es irgendwie hilfreich, schließlich an dem Gedenkstein mit der symbolischen „Meile Null“ vorbeizugehen und hinter dem Leuchtturm das Ende des Jakobsweges in Form von steilen Klippen greifbar vor mir zu sehen. Und so folgte ich der Tradition, verbrannte einen Gegenstand, der mich den ganzen Weg über begleitet hatte (ein Paar Socken!), beobachtete, wie die Sonne im Meer unterging und wandte mich symbolisch gesehen das erste Mal wieder um und machte mich auf den Rückweg.

Fazit der Strecke Saint-Jean – Santiago – Finisterre:

  • Anstrengend, aber abgesehen von der Pyrenäenüberquerung ohne extreme Anstiege
  • Landschaftlich wunderschön am Meer aber überfüllt an den beliebten Stränden und Großstädten, wenig Mitpilger auf dem Camino Primitivo
  • Wegmarkierungen meist durchgehend, aber vor allem in den unübersichtlichen Innenstädten war der Reiseführer Gold wert
  • Anfangs wenige, aber große Pilgerherbergen, später viele günstige Unterkünfte in kurzen Abständen

Fazit der Strecke insgesamt:

Großartig, überwältigend, anstrengend, wunderschön, einmalig, süchtig machend und uneingeschränkt empfehlenswert!

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