Outdoor UL: Leicht, leichter, ultraleicht!

Veröffentlicht am: 26.04.2019 12:34:57
Kategorien : Praxistipps

Outdoor UL: Leicht, leichter, ultraleicht!

Ultraleichte Touren mit ultraleichter Ausrüstung

Kürzlich ist es wieder passiert: Man wandert schön entspannt durch das kanadische Hinterland und trifft irgendwann auf einen anderen Menschen. Wie so oft natürlich auch ein Deutscher und man unterhält sich ein wenig. Der Trail war auf 4-5 Tage ausgelegt, ich war mit meinem 32 Liter Rucksack unterwegs – die Trail Bekanntschaft hatte einen vollgepackten 80 Liter Rucksack auf dem Rücken, dabei am schnaufen und schleppen.

Beide hatten wir alles dabei was man halt so braucht. Zelt, Isomatte, Schlafsack, Essensrationen, Regenklamotten und so weiter. Über die doch sehr unterschiedlichen Rucksäcke sind wir ins quatschen und philosophieren gekommen – Ich war beeindruckt, wie er es schafft, mit diesem Gepäck so einen anspruchsvollen Weg und jeden Tag eine so lange Distanz zu laufen.

Er war im Gegenzug fasziniert, wie ich mit so einem winzigen „Tagesrucksack“ fast eine Woche am Stück unterwegs sein kann. Und währenddessen liefen wir beide zusammen genau durch die Regionen, in denen die ultraleichte Trekkingszene ihren Ursprung hat und wo die Idee entstand, Gewicht und Umfang der Outdoor Ausrüstung auf ein unbeschwertes Minimum zu reduzieren.

Der Ursprung der Ultraleicht Bewegung

In Nordamerika sind wie so viele Dinge auch die Wanderwege größer oder in dem Falle weiter. Die teils über 5000 km langen Wanderwege wie der berühmte der Appalachian Trail (AT), Pacific Crest Trail (PCT) und der Continental Divide Trail (CDT) nehmen dabei viel Zeit in Anspruch und durchlaufen die unterschiedlichsten Gebiete und Klimazonen.

Dadurch müssen Wanderer, die diese Wege in einem Rutsch wandern wollen, jeden Tag recht lange Distanzen von teils über 40km wandern und das über Monate hinweg. Um dies nicht nur zu schaffen, sondern die Tour auch halbwegs entspannt genießen zu können, entstanden zwei grundlegende Ideen der Ultraleichtszene: Zum einen haben UL Pioniere alles im Gepäck weggelassen, was nicht zwingend nötig gewesen ist und zum anderen haben sie die unverzichtbare Ausrüstung wie Rucksack oder Zelt untersucht, modifiziert und erleichtert.

Der Erfolg war so weitreichend, dass sich mit der Zeit viele kleine Garagenfirmen gegründet haben, die bis heute ultraleichte Ausrüstung speziell für diesen Einsatzzweck anfertigen. Und der wohl bekannteste Vertreter der UL Szene, Ray Jardine hat schließlich einige Bücher zu dem Thema geschrieben, viele Bauanleitungen für selbst hergestellte (DIY) Ausrüstung veröffentlich und auch die Grundlagen des UL-Trekking definiert.

Ab wann ist meine Ausrüstung UL?

Um es mit den ungefähren Worten des besagten Ray Jardines auszudrücken: UL bist du, wenn dein Baseweight ohne Consumables unter 10 lb liegt.UL Ausrüstung im Liteway PyraOmm Tarp

Eine schöne, prägnante und verständliche Definition – sofern man weiß, was Baseweight, Consumables und 10lb sind. Wir versuchen, zu übersetzen: In der Ultraleicht Szene wird in zwei grundsätzlichen Hauptkategorien gedacht: Baseweight und Consumables, oder Basisgewicht und Verbrauchsgüter. Zum Baseweight zählen alle Ausrüstungsgegenstände die du immer dabei hast und nicht permanent am Körper trägst, wie ein Zelt, Rucksack, Schlafsack, Daunenjacke oder die Mütze.

Verbrauchsgüter sind vor allem Essen und Trinken, deren Gewicht im Laufe des Tages und von Tour zu Tour schwankt und die entsprechend nicht als feste Größe eingeplant werden können. Läuft man durch die Wüste, muss man viel mehr Wasser mitschleppen als an einem schönen Frühlingstag in einem schattigen Wald. Oder ist die nächste Einkaufsmöglichkeit für Essen 10 Tage entfernt, muss man halt mehr zu essen mitnehmen. Schaffst du es also am Ende, dein Basisgewicht unabhängig der Verpflegung unter 5 Kilo zu halten zählst du zu Ultraleicht, darüber fällst du „nur“ in die Kategorie der Leichtgewichtswanderer.

Wie deine Ausrüstung effektiv Gewicht verliert

Nemo Hornet 1PWie soll man es schaffen, sein Basisgewicht unter 5 Kilo zu bringen, wenn der Rucksack allein doch schon über 2 Kilo und das 2 Personen Tunnelzelt 3 Kilo wiegen? Hier gibt es zwei Ansatzpunkte. Die einfachste und günstigste Variante ist es, schlicht die Sachen, die man unterwegs nicht zwingend braucht, Zuhause zu lassen. Brauchst du wirklich eine Ersatzhose für den Fall, dass die eigentliche Hose schlimm dreckig oder nass ist? Was ist mit den vielen kleinen und praktischen Beuteln, in denen die Ausrüstung fein säuberlich sortiert ist? Und ist das Dreieckstuch im Erste Hilfe Set notwendig oder kannst du es im Notfall nicht durch bereits vorhandene Ausrüstung improvisieren?

Doch irgendwann wirst du nur mit Weglassen an Grenzen stoßen, da hilft es nur noch Ausrüstung auszutauschen. Anstatt des komfortablen 3 Kilo Geodäten, der Orkane und Schneelasten aushält ist tut es vielleicht auch ein leichteres Modell wie das Nemo Hornet oder sogar nur ein Tarp wie das Liteway Simplex Tarp.Liteway Simplex Tarp mit Innenleben

Und so geht dein Baseweight durch Weglassen und Austauschen immer weiter nach unten und positive Nebeneffekte werden sichtbar: Wenn der Rucksack weniger wiegt, schwitzt du weniger, verbrauchst weniger Kalorien und musst weniger Wasser und Essen mitnehmen.

Durch die gewichtsoptimierte Ausrüstung kannst du auch einen leichteren oder kleineren Rucksack mitnehmen, der möglicherweise sogar gar kein Tragegestell mehr hat wie zum Beispiel der Liteway Elementum Pack. Hast du nur noch eine gefühlte Feder auf den Schultern kannst du auch dein Schuhwerk von schweren Volllederstiefel auf leichte Trailrunner umstellen. Deine Trittsicherheit verbessert sich drastisch und du bist viel agiler auf dem Trail. Und ehe du dich versiehst, steckst du voll in der Szene drin, schneidest die Etiketten aus deinen Klamotten und sägst Löcher in deine Zahnbürste.

Und obwohl es in vielerlei Hinsicht sinnvoll ist, das Gewicht des Gepäcks zu reduzieren, ist der Begriff "Ultraleicht" mit vielen Vorurteilen belastet. Wenn man sich mit klassischen Trekkern, Bushcraftern, Hängemattenliebhabern oder überhaupt anderen Menschen über sein UL Hobby unterhält, dauert es häufig nicht allzu lange, bis man sie zu hören bekommt.

Die hartnäckigsten Ultraleicht Vorurteile

Eigentlich sind es immer die gleichen Vorurteile, die häufig auch aufeinander aufbauen. Ich will versuchen, die größten und lautesten einmal sachlich zu betrachten und ein wenig zu entkräften.

UL ist teuer.

Hier ist die klare Antwort: Jein. Ja, man kann sehr viel Geld für sein ultraleichtes Hobby ausgeben, wenn man will. Grundzug Nummer 1 um UL Trekking wird dabei aber übersehen: weglassen kostet nichts! Manchmal stößt man auch mit seinen Ausrüstungswünschen an gewisse Grenzen. Wenn große und traditionelle Hersteller das Gewünschte einfach nicht anbieten können, greifen viele UL’er selbst zu Nadel und Faden und stellen ihre Ausrüstung oder Teile davon einfach selbst her – was in der Regel relativ günstig ist.

Und selbst wenn man sich die Ausrüstung komplett kauft, muss man nicht mehr Geld auf den Tisch legen als bei klassischer Ausrüstung. In der Regel verzichten beispielsweise Rucksäcke auf viel Klimbim, keine kleinen Täschchen, Riemen oder Verstaumöglichkeiten. Dadurch wird Material und Arbeitskosten gespart was sich im Preis niederschlägt. Selbst viele kleine Cottages, die Ausrüstung nur im kleinen Rahmen herstellen, sind außerdem oft nicht wirklich teurer als die Sachen von etablierten großen Marken.

Lightwave Cuben Fibre TarpDas Vorurteil hat dabei aber auch einen wahren Kern. So gibt es zum Beispiel extrem leichte und hochwertige Materialien wie DFC: Das ist die Abkürzung für Dyneema Composite Fiber, ein Material für Zelte und Tarps und der Traum vieler UL’er. Extrem leicht, extrem reißfest, extrem cool, extrem teuer. Oder auch Titangeschirr mit den gleichen Vorteilen.

Hier lohnt sich eine sorgfältige Überlegung, ob nicht auch andere Materialien die ultraleichten Anforderungen weitestgehend erfüllen, ohne gleich ein Vermögen zu kosten. Ja, Titan ist leicht, aber auch der Alutopf ist nicht unbedingt schwerer. Und ja, Hilleberg ist unangefochtener Spitzenreiter, wenn es um hochwertige, langlebige und leichte Zelte geht, aber für die ersten Touren oder Gelegenheitstrekker reichen in der Regel auch die preiswerteren Zelte von anderen Herstellern, die auch leichte Modelle anbieten.

So zeigt sich, das UL nicht automatisch in jedem Fall teurer sein muss als "herkömmliche" Ausrüstung.

UL geht schnell kaputt

Das ist ein klares nein, da Leichtigkeit und Stabilität sich keinesfalls ausschließen. Du wirst an deiner leichten Ausrüstung viele Materialien finden, die bei klassischer Ausrüstung nicht verbaut werden und umgekehrt. Kein Rucksack besteht aus schönem, unzerstörbarem, abriebfestem 1000 D Cordura, wenn er leicht sein soll. Das macht aber nichts, denn mit einem Baseweight von 5 Kilo ist der Rucksack so leicht, dass er die schweren Materialien nicht braucht, um lange zu halten.

Und ultraleichte Zelte sind zwar nicht aus 70 D Nylon mit fettem 10 mm DAC Featherlite Gestänge gebaut, halten aber trotzdem Wind und Wetter stand. Schließlich werden sie eher in Regionen eingesetzt, in denen man keine Wetterextreme wie Orkane oder starken Schneefall erwartet. Außerdem spricht sich mangelnde Stabilität schnell herum: Wenn das extrem leichte und extrem teure Zelt nach kürzester Zeit standardmäßig kaputt ginge, würden sich die bekannten Marken nicht schon seit vielen, vielen Jahren im Geschäft halten und sich an immer mehr Trekkern erfreuen, die das Leichtgewichtsdasein für sich entdecken!

UL macht nur für Weicheier Sinn, die nichts tragen können

Gewichtsvergleich Amazonas HängematteDas Vorurteil lässt sich genauso gut umdrehen: Man braucht nur Muskeln in den Beinen, um 20 Kilo durch die Gegend zu schleppen. Um nur 5 Kilo zu tragen braucht es Köpfchen. Oder anders ausgedrückt: Weder sind vollgepackte Wanderer geistig nicht in der Lage, ihr Gepäck sinnvoll auszusuchen noch sind die ultraleichten Wanderer zu schwach, um einen schwereren Rucksack zu schultern.

Die Idee hinter der ultraleichten Ausrüstung stammt nicht einmal von ehrgeizigen Sportlern, sondern war schon lange vor Ray Jardine und irgendwelchen Gewichtsdefinitionen in der Welt. Bei jeder Expedition, Gipfelbesteigung oder Erkundung von weißen Flecken auf der Landkarte liegt der Fokus darauf, das Rucksackgewicht möglichst niedrig zu halten.

Kaum ein ambitionierter Alpinist wird nur zum Spaß irgendwelche schweren, unnötigen Luxusgüter auf die entlegenen Gipfel der Welt mitschleifen. Nicht nur UL'er werfen einen kritischen Blick auf ihre Ausrüstung und selbst Edmund Hillary, John Muir oder Alexander Gerst konnten und können nicht unbegrenzt alles mitnehmen. Warum also solltest du es tun?

Daher lässt sich der gesamte Bereich UL keineswegs als Unsinn abstempeln. Fakt ist: Wenn du mit weniger Gewicht auf dem Rücken losziehst, sparst du immer auch Energie und kommst entspannter ans Ziel. Bei den extremen UL Touren geht es natürlich aber auch um den Spaß am Hobby und um den Ehrgeiz, einmal auszutesten, wie weit sich die Ausrüstung noch reduzieren lässt.

UL ist nur bei einfachen Touren machbar

Dieses Vorurteil hat ebenfalls einen wahren Kern. UL und die Baseweight Definitionen kommen schließlich aus einer Region, in der keine Wetterextreme zu erwarten sind. Schneetreiben, Temperaturen um -30°C, große Höhen, extreme Abgeschiedenheit oder alles gleichzeitig sind nicht wirklich in die 5-Kilo-Grenze mitbedacht worden. Durch die permanente Weiterentwicklung der Ausrüstung haben sich aber neue Ideen und neue Materialien so weit verbreitet, dass die Grenze des Machbaren sich stetig weiter in die extremeren Bereiche verschiebt.

Dennoch: Zum Beispiel ist ein ultraleichter Highend Quilt für deutliche Minusgrade zwar möglich, aber alleine durch das hohe Gewicht der benötigten Füllmenge kommt man selbst bei Daunen schnell an Grenzen. Außerdem braucht man womöglich einen größeren (und schwereren) Rucksack, damit die umfangreiche Winterausrüstung und Isolationsbekleidung hineinpasst. Und einen Schneefang sucht man an den meisten UL Zelten vergebens und muss daher auf andere Möglichkeiten zurückgreifen.

Also auch bei diesem Vorurteil kein klares Ja oder Nein. „Normale“ Wintertouren, Gebirgstouren und Touren durch einsame Regionen sind mit ultraleichter Ausrüstung problemlos machbar, wenn du ausreichend Erfahrung mitbringst und darauf achtest, dass dein Gepäck trotzdem alle nötigen Funktionen abdeckt.Relags Taschenhängematte im Einsatz

UL ist unkomfortabel

Dieses Vorurteil ist eines der am meisten verbreiteten Gerüchte. Viele Menschen haben die Vorstellung, dass UL'er nachts kaum schlafen, weil sie entweder durch die Matte alle Steine merken oder der Schlafsack so dünn ist, dass sie zwangsläufig frieren müssen – und dass sie permanent auf dem Trail unter mangelndem Komfort leiden. Vielleicht gibt es auch die hartgesottenen UL'er, die sich auf diese Art selbst kasteien, die meisten greifen aber entweder auf die komfortablen Varianten der UL Ausrüstung zurück oder haben schlicht keine Probleme mit einem härteren Untergrund oder frieren eben nicht so schnell.

Und umgekehrt stellt sich genauso die Frage, warum manche Leute sich vollbeladen durch den Tag schleppen und den ganzen Tag einen großen Rucksack durch die Gegend tragen, nur um abends mit Stuhl und Bier am Feuer zu sitzen. Extreme UL'er und die vollbeladenen Wanderer haben beide den maximalen Komfort im Hinterkopf, jedoch zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Der eine abends am Feuer, der andere tagsüber auf dem Trail. Und auch ein UL'er hätte wohl nichts dagegen, abends beim Kochen auf einem gescheiten Stuhl zu sitzen. Aber bei der Abwägung, ob sich die 2 Stunden Luxus zum Abendessen für einen ganzen Tag Schlepperei lohnen, wird der Campingstuhl beim UL'er erfahrungsgemäß wohl verlieren.

UL ist also nicht unkomfortabel, sondern legt einfach an anderer Stelle Wert auf Komfort und findet andere Wege, um genauso bequem über den Trail zu kommen. Schließlich ist eine dünne Isomatte ist nicht unbequem, wenn man sich den Schlafplatz ordentlich aussucht. Eine Kochstelle mit einem Baumstamm oder Stein in der Nähe zum drauf sitzen oder anlehnen ist genauso gut wie ein Stuhl. Den meisten Mangel an Komfort kann man so einfach durch ein wachsames Auge wieder ausgleichen.

Fazit Ultraleicht

Und so sind meine kanadisch-deutsche Trail Bekanntschaft und ich wieder getrennte Wege gegangen, jeder vom anderen ein kleines bisschen beeindruckt. Ich empfinde es als große körperliche Leistung mit so viel Gewicht auf dem Rücken über einen solchen Trail zu laufen. Ich könnte das nicht, dazu bin ich nicht schwer und muskulös genug. Auch hat er ein großes Durchhaltevermögen bewiesen trotz der Last und der Wehwehchen weiterzulaufen.

Auf der anderen Seite war er darüber überrascht was man mit ein wenig kritischem Blick auf Ausrüstung und eigenes Verhalten an Gewicht sparen kann. Wer weiß, vielleicht hat nach dem Trip sich mit dem Thema weiter auseinandergesetzt, seine Ausrüstung gewogen, Luxus zu Hause gelassen? Vielleicht ist er sogar zu einem Kunden geworden und ganz vielleicht liest er den Beitrag und erkennt sich selbst wieder?

Fügen Sie einen Kommentar hinzu