Kleine Anleitung UL-Rucksäcke
Leichte Ausrüstung ist in. Und es sind nicht mehr nur die schrägen UL-Grammzähler:innen, die mit strengem Blick auf die Waage ihre Ausrüstung gewichtsmäßig optimieren.
Und das ist auch gut so! Denn mit weniger Last auf dem Buckel unterwegs zu sein, hat eine Menge Vorteile. Etwas über die Vorteile und die Philosophie des Leichtgewicht-Wanderns kannst Du in unserem Blog hier nachlesen.
Aus Beratungen in unserem Showroom und von Anfragen per Mail wissen wir, dass vor allem die Auswahl des richtigen Rucksacks einiges an Kopfzerbrechen bereiten kann. Deswegen widmen wir uns mit diesem Beitrag den verschiedenen UL-Rucksacktypen. Was sie ausmachen, welche Vor- und Nachteile sie haben, wie man sie richtig trägt und letztlich, für wen sie etwas sind – oder eben nicht sind.
Eins noch bevor es los geht: wir behandeln hier ausdrücklich UL-Rucksäcke. Keine taktischen Rucksäcke, keine Lastenkraxen, keine Hello-Kitty-Rucksäcke.
Bevor nach der Lektüre in die Kommentarspalte bessergewusst wird…
Drei Rucksack-Typen
Ganz allgemein und der Einfachheit halber unterscheiden wir zwischen drei verschiedenen Rucksacktypen, die man für ernsthaftes Wandern nutzen kann:
- Frameless Rucksäcken, also komplett tragegestellfreie Rucksäcke
- Solchen mit einem Rahmen; darunter versteht man eine Verstärkung oder Versteifung im Rücken und schließlich
- Rucksäcken, die sowohl über ein steifes Tragesystem als auch Lastenkontrollriemen verfügen.
Die unterschiedliche Bauart, ob Frameless, mit Rahmen oder mit Lastenkontrollriemen, entscheidet darüber, wie sich ein Rucksack auf Deiner Wanderung anfühlt, aber auch, wie schwer Du ihn beladen kannst und wie Du ihn am besten tragen solltest, damit er seine Stärken voll ausspielen kann.
Lass uns die verschiedenen Rucksäcke also im Einzelnen durchgehen.
Wir haben exemplarisch zur Veranschaulichung der drei Varianten den Liteway HKR Pack als Frameless Rucksack, den Hyperlite Mountain Gear Unbound 40 als Rucksack mit Tragegestell und den Gossamer Gear Mariposa als Rucksack mit Rahmen und Lastenkontrollriemen gewählt.
1. Frameless: Minimalismus auf den Schultern
Frameless-Rucksäcke verzichten komplett auf ein starres Tragesystem, es gibt keinen Rahmen und oft nur einen leichten Hüftgurt – oder sogar gar keinen. Die Last liegt überwiegend auf den Schultern, Stabilität entsteht durch geschicktes Packen und eine kompakte, hoch am Rücken sitzende Form.
Frameless Rucksäcke bringen gleich mehrere Vorteile: weniger Eigengewicht, ein sehr direktes Tragegefühl und viel Bewegungsfreiheit in Hüfte und Oberkörper. Sie sind ideal für lange Distanzen mit leichtem Baseweight.
Der Preis dafür ist allerdings, dass Du sauber packen musst, denn schlecht komprimierte Ausrüstung macht den Rucksack instabil und lässt ihn beim Laufen wippen oder gegen die Hüfte stoßen.
Je nach Deiner körperlichen Verfassung (und auch Deiner Leidensfähigkeit…), kannst Du einen Frameless Rucksack bis ca. 12 kg Gewicht nutzen.
Die oben erwähnte hoch am Rücken sitzende Form ist sehr wichtig für den Tragekomfort dieser Rucksäcke und für Neulinge erst einmal ungewohnt.
Denn Frameless Rucksäcke werden in der Regel deutlich höher getragen als solche mit Rahmen oder gar mit Rahmen und Lastenkontrollriemen. Dadurch schränkt Dich der Rucksack bei Deinen Bewegungen so wenig wie möglich ein.
Besitzt der Rucksack einen Hüftgurt, muss er nicht da sitzen, wo Du es von Deinem Oldschool-Trekkingrucksack gewohnt bist, sondern kann sogar kurz unterhalb der Rippen sitzen. Hauptsache ist der gute Sitz der Schultergurte.
Hier trägt Dirk den Liteway HKR Pack. Er ist 179 cm groß, der HKR Pack in Rückenlänge M/L.
Rucksäcke mit Rahmen: Tragestärke und Kontrolle
Sobald das Gesamtgewicht 12 Kilogramm überschreitet, spielt ein Rucksack mit Rahmen seine Stärken aus. Über das steifere Gestell oder eine Rückenplatte wird das Gewicht und damit der Druck weg von den Schultern hin zur Hüfte geleitet, wo der Körper deutlich mehr Last komfortabel tragen kann als mit den Schultern.
Rahmenrucksäcke sind damit die bessere Wahl für Dich, wenn Du oft Touren machst, bei denen Du viel Wasser, schweres Wintergepäck oder Nahrung für mehrere Tage mitnehmen musst.
Sie sind meist schwerer und etwas träger im Handling als reine Frameless Rucksäcke, belohnen Dich aber mit einem stabileren Schwerpunkt, besserer Lastkontrolle in technischem Gelände und weniger Schulterermüdung durch das Gewicht des Rucksacks.
Unserer Erfahrung nach kannst Du einen Rucksack mit steifem Rücken, aber ohne Lastenkontrollriemen, bis etwa 20 kg nutzen.
Je nach Modell haben sie unterschiedlich stark gepolsterte Hüftgurte. Trotz des Namens müssen sie bei einem Rucksack ohne Lastenkontrollriemen nicht notwendigerweise auf der Hüfte, sondern können auch etwas höher sitzen. Das ist wichtig bei der Auswahl der Rückenlänge.
So sitzt ein solcher Rucksack richtig. Jan ist 189 cm groß und trägt den Hyperlite Mountain Gear Unbound 40 in der Rückenlänge M. Trotz seiner Körpergröße passt im der HMG Rucksack in der Größe perfekt.
Lastenkontrollriemen: Feintuning für schwere Lasten
Lastenkontrollriemen verbinden die Schulterträger mit dem oberen Teil des Rucksacks, ziehen die Last dichter an den Körper und verteilen das Gewicht auf eine größere Auflagefläche. Gerade bei hohen Rucksäcken verhindern sie, dass der Schwerpunkt zu weit nach hinten wandert und Dich nach hinten zieht.
Wichtig zu beachten: ihre volle Wirkung können Lastenkontrollriemen nur dann entfalten, wenn das steife Gestell des Rucksacks bis auf die Höhe der Ansatzpunkte der Lastenkontrollriemen reicht. Hört sich kompliziert an, deswegen hier ein Bild zur Veranschaulichung:
Thommy trägt einen Gossamer Gear Mariposa in M. Thommy ist 185 cm groß. Auch ihm passt ein Rucksack der Rückenlänge M trotz Körpergröße über 180 cm.
Anders gesagt: damit diese Riemen überhaupt richtig wirken, muss der steife Teil des Rucksacks oberhalb der Schultern weiterlaufen und es muss ein steifer Rahmen vorhanden sein, der das Gewicht nach unten in Hüftgurt und Rücken überträgt.
Diese Rucksäcke trägst Du so, wie Du es von Deinem klassischen Trekkingrucksack gewohnt bist. Nämlich zuerst den Hüftgurt auf die Hüfte, dann Schulterträger festzurren, zum Schluss Lastenkontrollriemen justieren, fertig.
Zumindest theoretisch haben solche Rucksäcke keine Gewichtsobergrenze. In der Praxis wird die Obergrenze aber durch das verwendete Material des Rucksacks und das Tragegestell, das für bestimmte Lasten ausgelegt ist, und natürlich die Kraft Deiner Muskeln beschränkt.
Wir haben die Merkmale der Rucksäcke und ihre Vor- und Nachteile in einem Schaubild dargestellt:

Praxis: Welcher Rucksack für wen?
Ganz allgemein empfehlen wir, Deine Ausrüstung nicht nach den zehn Prozent "Ausrutschern" nach oben oder unten auszuwählen, sondern danach, wie 80% Deiner Touren aussehen. Einfach gesagt: wenn Du "auch mal" für mehrere Tage Essen mitnehmen musst, sonst aber eher kurze Touren machst, solltest Du keinen zu großen Rucksack mit einem für größeres Gewicht ausgelegten Tragesystem wählen.
Unserer Erfahrung nach ist es deutlich weniger nervig, mit einem kleineren Rucksack mal etwas mehr und schwereres Gepäck zu tragen, als ständig mit einem überdimensionierten Rucksack unterwegs zu sein.
Für Einsteiger im UL-Bereich, die noch mit Packtechnik experimentieren und gelegentlich schwerere Proviantphasen haben, kann ein leichter Rahmenrucksack ohne oder mit sehr einfachen Lastenkontrollriemen ein guter Kompromiss sein.
Er verzeiht Fehler beim Packen und erlaubt es, Last immer mal wieder zwischen Schultern und Hüfte zu verschieben, ohne gleich komplexe Verstellorgien starten zu müssen.
Wer seine Ausrüstung konsequent reduziert, Körperspannung und Technik trainiert und vor allem lange Distanzen mit viel Hüftbewegung läuft, profitiert von der Einfachheit der Frameless Modelle.
Wer hingegen regelmäßig mit zweistelligen Kilozahlen unterwegs ist, technische Touren macht oder viel Wert auf maximale Lastkontrolle legt, läuft mit Rahmen und gut abgestimmten Lastenkontrollriemen auf Dauer entspannter.
Wenn Du Dich jetzt also fragst, ob Du einen Rahmen oder Lastenkontrollriemen brauchst, dann stelle Dir den Rahmen an Deinem Rucksack als ein zusätzliches Skelett, den Hüftgurt als zusätzlichen Muskel vor.
Ganz einfach gesagt: Wenn du das Rucksackgewicht so niedrig hältst, dass du es problemlos schultern kannst, brauchst du keinen Rahmen und keinen Hüftgurt.
